Tempelhofer Kreuz – Eine Autobahn im Märkischen Sand

Ein Portfolio über den Bau des nicht realisierten Autobahnkreuzes Tempelhof

Der Berliner "Stadtring" als Autobahn A 100 führt in einem großen Bogen vom nördlichen Wedding bis zum südlichen Neukölln mitten durch den westlichen Teil der Stadt. Dieser Stadtring wird auch als innerer Ring bezeichnet, im Gegensatz zum äußeren Berliner Ring A 10, der größtenteils außerhalb von Berlin liegt. Die Trasse des Stadtringes folgt in weiten Teilen dem inneren S-Bahn- und Eisenbahnring.

Aus der Serie »Tempelhofer Kreuz – Eine Autobahn im Märkischen Sand«Die halbrunde Struktur sollte im Fall der deutschen Wiedervereinigung zu einem Kreis vervollständigt werden. Spätere Planungen nach der Wiedervereinigung sind von diesem Plan abgerückt, da er große städtebauliche Einschnitte zur Folge gehabt hätte. Die Autobahn 100  wurde zwischen 1958 und 2004 gebaut.

Nach meinem abgeschlossenen Projekt im Wedding (siehe hier) habe ich 1979 den Autobahnbau zwischen Tempelhof und Neukölln für eine kurze Zeit fotografisch begleitet. Die Aufnahmen für das Portfolio "Tempelhofer Kreuz" entstanden zwischen den heutigen Anschlussstellen Tempelhofer Damm und Oberlandstraße, entlang des ehemaligen Flughafens Tempelhof, bis zur heutigen Anschlussstelle Gradestraße, der ehemals geplanten A 102 (hier sollte die Osttangente von Kreuzberg bis nach Buckow die A 100 kreuzen).

Geplant war ursprünglich, diesen Teil der A 100 vom Tempelhofer Kreuz als Hochstrecke bis nach Neukölln auszuführen.  Alle Anschlussstellen waren bereits fertig gestellt. Um den Ortsteil Britz nicht in zwei Teile spalten zu müssen, wurden die Planungen später geändert und der Ortsteil mit einem Tunnel von 1,7 Kilometer Länge unterquert. Ein Teil der Bauten an der Gottlieb-Dunkel-Straße/ Ecke Tempelhofer Weg, die auf meinen Fotos zu sehen sind, wurden deshalb wieder rückgebaut.

Da auch die Osttangente nicht mehr realisiert werden sollte, entfiel auch der Bau des Tempelhofer Kreuzes. Heute erinnert nur die ein Kilometer lange Auffahrt von der Gradestraße zur A 100 an das geplante Tempelhofer Kreuz. Im Jahr 2004 wurde die A 100 bis zur Grenzallee fertiggestellt. Der Weiterbau der A 100 bis Treptower Park oder sogar bis zur Frankfurter Allee ist umstritten.

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Das Tempelhofer Kreuz wurde auf Sand gebaut

Mit dem Slogan der 1968er Protestjahre "Unter dem Pflaster liegt der Strand" war die Hoffnung verbunden, die eingefahrenen Strukturen der Gesellschaft und der Stadt freizulegen. Aber viel früher schon verspotteten die süddeutschen Fürsten des "Heiligen Römischen Reiches" das sandige und unfruchtbare Land Brandenburg als "Märkische Streusandbüchse".

Woher kommt eigentlich dieser Berliner Sand? Die Gletscher der Eiszeit und später die abfließenden Wassermassen brachten den Sand aus Skandinavien in die Märkische Region. Wie man damals auf die Idee kam in dieser Sandwüste, in der nur Bäume und Gras wuchsen, eine Stadt zu gründen, war schon bemerkenswert.

tempelhofer-kreuz_53_218-26_1981Der geologisch eher junge Boden bestand nun aus unter Moränenschutt und Geschiebemergel unter Druck zerriebenem und ausgewaschenem Sand. Er wurde unterbrochen von zahlreichen Morasten, die von den Nebenarmen der Spree gespeist wurden. Das Land glich eher einer Wüste und je nach Windrichtung entstanden verschiedene Hügel aus dem Flugsand.

In der Hauptstadt ist heute nichts mehr von der eigentlich märkischen Natur zu sehen und in der Umgebung von Berlin wiederum nichts von einer Großstadtstimmung zu spüren. Nur bei großen Bauvorhaben, wie dem Bau des geplanten Tempelhofer Autobahn-Kreuzes tritt er noch zutage: der märkische Sand. Und unter diesem ist das Tempelhofer Kreuz dann wieder begraben worden.

In Rom kann man an jeder Ecke den geschichtsträchtigen, aufgegrabenen Boden in seiner starken Verdichtung sehen: Überall stößt man auf Gebäudereste, Grundmauern und kulturelle Ablagerungen; in Berlin hingegen findet man Fossilien, Werkzeuge aus der Bronzezeit oder manchmal Pfähle (auf denen einst das Schloss stand) , aber meist nur Sand, Sand und nochmals Sand, der manchmal zu Lehm verdichtet ist. Vielleicht stößt in der Zukunft auch jemand beim Buddeln einmal auf ein Stück des Tempelhofer Kreuzes, das im Märkischen Sand versunken ist.

Friedhelm Denkeler, Dezember 2013

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