In Sicherheit bringen

Sauerlandgaragen – Unser Dorf soll schöner werden

Als erstes habe ich für diesen Artikel recherchiert, was das Wort "Garage" bedeutet. Es kommt aus dem Französischen, "garer", das wiederum aus dem Germanischen kommt und so viel "wie in Sicherheit bringen" bedeutet, also das Auto in eine sichere Verwahrstelle bringen; das mit meinen 348 Photographien, bzw. mit den 116 Triptychons zu beweisen war.

Warum nun gerade im Sauerland? Seit meiner Kindheit in den 1950er Jahren habe ich in den Schulferien enge Verbindungen zum Sauerland gepflegt und auch später in den 2000er Jahren, in denen die vorliegenden Photographien entstanden sind. So bietet es sich an, einige grundsätzliche Worte zur Kulturlandschaft im südlichen Westfalen, im Volksmund Sauerland genannt, fallen zu lassen. Aber der Hauptteil des Buches soll sich mit der Garage als solches befassen. Was hat das alles mit dem Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" zu tun? Tragen die Garagen zum Schönheitsideal des Dorfes oder der Kleinstadt bei?

Schulferien in Lüdenscheid

Meine Kindheit und Schulzeit in den frühen 1950er Jahren habe in Ost-Westfalen verbracht. In den großen Ferien war ich oft zu Besuch bei Verwandten in Castrop-Rauxel und insbesondere in Lüdenscheid, mitten im Sauerland. Im Gegensatz»Handweiserstraße Nr. 4 in Lüdenscheid«, 1992, heute teil der Werdohler Straße zum Dorf Varl bzw. Varlheide war Lüdenscheid eine "richtige" Stadt, in der ich so einige "Abenteuer" erleben konnte. Das Haus von Wilhelmine und Hermann Schmidt befand sich in der Handweiserstraße Nr. 4, ein "richtiges Hochhaus", so hatte ich es in Erinnerung. Mein Foto ist 1992 entstanden, also 40 Jahre später und da musste ich feststellen, dass es sich "nur" um ein dreistöckiges Haus handelte (siehe Foto). Allerdings wohnten Schmidts immerhin im Dachgeschoss mit schrägen Wänden.

Im Hinterhof hatten sie einen kleinen Garten mit einem Hühnerstall. Tagsüber liefen die Hühner frei herum und abends, wenn alle Hühner im Stall waren, konnte man mit Hilfe eines langen Seils die Ausgehklappe des Stalles schließen (und morgens wieder öffnen). Im Garten machte ich das erste Mal Bekanntschaft mit Liebstöckel, noch heute fällt mir bei dem Geruch von Liebstöckel die Handweiserstraße ein. Der Weg zu den Toiletten war sehr weit, sie lagen im Keller. Aber im Dachgeschoss gab es wenigstens fließendes Wasser.

Hermann Schmidt arbeitete beim "Großhandel Richard Kopp", der mit Obst, Gemüse und Südfrüchten handelte. Regelmäßig fuhr er mit seinem LKW nach Köln auf den Großmarkt. Auf einigen dieser Nachttouren durfte ich ihn begleiten. Das war Abenteuer pur. Für immer wird mir eine dieser Nachtfahrten in Erinnerung bleiben. Auf einer der Bundesstraßen gab es damals bereits Leitpfosten mit Reflektoren (rechts ein rechteckiger Reflektor, links zwei kleinere runde Reflektoren). Es muss eine der ersten Straßen mit diesen Begrenzungspfählen gewesen sein, denn sie wurden erst 1957 in Westdeutschland eingeführt. In der stockdunklen Nacht, meist ohne Gegenverkehr, machten die Reflektionen der LKW-Scheinwerfer die Fahrt zu einer Geisterfahrt.

In den Schulferien wurde ich als Nachkriegskind reichlich mit Südfrüchten bedacht, jeden Tag erhielt ich eine "Bananenhand" mit ungefähr 10 Bananen, die "mussten" am Tagesende dann alle gegessen sein. Aber damit nicht genug, jeden Tag ging ich ins nächstgelegene Milchgeschäft und erhielt ein Hörnchen mit frischer Sahne. Die Vorliebe für Schlagsahne habe ich bis heute beibehalten. Mit meiner älteren Kusine ging ich regelmäßig Bummeln und Einkaufen und als absoluten Höhepunkt, zum nahe gelegenen Spielplatz. Sein Wahrzeichen war der sich drehende "Fliegenpilz"; das Wort Fliegen hatte hier eine doppelte Bedeutung. So weit im mich erinnern kann, bin ich regelmäßig auch alleine auf dem Platz gewesen. Das hat es damals auf dem Dorf natürlich noch nicht gegeben.

Kulturlandschaft Sauerland

Wo liegt eigentlich das Sauerland? Eine genaue Abgrenzung ist nicht möglich; sie unterliegt einem stetigen Wandel, aber wenn man sagt, das Sauerland liegt im südlichen Westfalen, liegt man immer richtig. Für meine vorliegende Arbeit sind die Aufnahmen hauptsächlich im Bereich der Ortschaften Lüdenscheid, Plettenberg, Werdohl, Herscheid, Attendorn, Finnentrop und Sundern entstanden.

Zu Beginn des Vorindustriezeitalters entstanden in dieser Region an den vielen Flüssen wie Lenne, Oester und Else die ersten Fabriken und Manufakturen. Hier konnten mit Hilfe der Wasserkraft die Eisenhammer angetrieben werden, um Schmiedeeisen als Halbzeug und die daraus gefertigten Gebrauchsgüter herzustellen. Viele Orte tragen noch heute den Namen eines Hammerwerks als Ortsbeschreibung: Bremecker Hammer in Lüdenscheid oder der Köbbinghauser Hammer in Plettenberg im Ortsteil Köbbinghausen.

Durch die Industrialisierung nahm vor allem im Ruhrgebiet der Bedarf an Trink- und Industriewasser zu. Zur Regulierung gründeten die Wassererzeuger im Ruhrgebiet 1899 den Ruhrtalsperrenverein, der den Bau von Stauseen finanzierte. Die größten Seen sind der Biggesee, der Möhnesee, der Sorpesee und die Versetalsperre. Diese Stauseen, die Wälder ringsherum mit ihren Naturparks und die Tropfsteinhöhlen, wie Dechenhöhle, Atta-Höhle und Heinrichshöhle am Felsenmeer Hemer, sind als Ausflugsziele für Bewohner des Ruhrgebiets und aus den Niederlanden sehr beliebt. Um die meisten dieser Seen hat sich eine Tourismus-Wirtschaft mit Gastronomie und Freizeitmöglichkeiten entwickelt.

Das Prinzip Garage

Eine Kulturgeschichte der Garage sollte meine Arbeit nicht sein. Aber die Welt verdankt Einiges den wenigen Quadratmetern „Beton mit Tor“. Angeblich schulden wir der elterlichen Garage von Steve Jobs auch den PC und das iPhone. Steve Wozniak hat der traditionell überlieferten Darstellung allerdings widersprochen und meinte, das wäre ein Mythos. Aber der Begriff "Garagenfirma" taucht im Zusammenhang mit den neuen Techniken immer mal wieder auf. Auf meinen Streifzügen durch die "Garagenlandschaften" konnte ich nirgends eine Garagenfirma entdecken.

Wer heute außerhalb der großen Städte wohnt, hat es zu Geschäften, zur Arbeitsstätte und zu Freizeitaktivitäten meist etwas weiter und braucht deshalb ein Auto. Meist wohnt man dann im Ein- oder Mehrfamilienhaus und nähert sich dem Heim nicht zu Fuß, sondern per KFZ. Damit ist die Garage der bauliche Ankunftsbereich des modernen Bewohners. Diese besondere Bedeutung wird aber erstaunlicherweise gestalterisch wenig genutzt, obwohl hier das teuerste Teil des Haushalts steht, d.h. es steht oft in einer billigen Fertiggarage aus Beton mit Schwingtor, die schlecht beleuchtet ist und zusätzlich als Abstellraum genutzt wird. Das dürfte den wenigsten Besitzern bewusst sein.

Da steht nun also das gute Stück in der Garage und man sieht das Automobildesign nicht. Warum nicht eine Glaswand zwischen Garage und Haus setzen, so dass man sein Gefährt immer im Blick hat? Oder eine Garage im alten Stil bauen? In Ost-Westfalen steht in Minden eine der ältesten Garagen. Das "Alte Wagenhaus" wurde 1908 gebaut. Es war so groß, dass der Chauffeur über der Abstellfläche des Wagens eine kleine Dienstwohnung beziehen konnte. Natürlich habe ich auch im Sauerland in Werdohl eine sehenswerte alte Garage gefunden.

Unser Dorf soll schöner werden

Seit den 1960er Jahren gibt es in Westdeutschland den Bundeswettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden". So wie ich es in Erinnerung habe, sollten die Dörfer vor allem durch Grüngestaltung und Blumenschmuck verschönert werden, um so eine Abwanderung in die Städte zu verhindern. Den Blumenwettbewerb auf dem Land gibt es inzwischen nicht mehr, er ist angesichts der Veränderungen nicht mehr zeitgemäß. Dieser Begriff ist "zu Tode geritten" worden und wird eher zur Verballhornung verwendet. Das haben die Ausrichter des Bundeswettbewerbs auch gemerkt, die Nachfolgeveran¬staltung heißt deshalb "Unser Dorf hat Zukunft". Ich glaube, meine Photographien geben eine eindeutige Antwort, ob die Garagen zur Verschönerung der Dörfer und Kleinstädte beitragen.

Friedhelm Denkeler, Januar 2019

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