Neunmal Neukölln – Berliner Stadtgänge

Prolog

»Es geht oder es geht nicht, entweder das eine oder das andere. … Mit dem Verhältnispaar gehen/ nicht gehen ist eine Ur-Binarität hergestellt. Das Gehen stellt gewissermaßen den Zugang zur Welt her, das Nicht-Gehen vereitelt ihn« [Aurel Schmidt: »Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden«, Wien, 2007]

Die Vorläufer der Stadtgänge fangen mit der biblischen Vertreibung von Eva und Adam aus dem Paradies an. Schritt für Schritt erkundeten sie anschließend die Welt. Nichts anderes macht der Photograph heutzutage, wenn er, wie ich Ende der 1970er Jahre, durch Neukölln wandert und seine Motive findet. Finden bedeutet ursprünglich »einen Weg betreten«, das heißt auf den eigenen Füßen neue Perspektiven oder Altbekanntes mit neuen Augen entdecken.

Das geht nicht beim Hasten oder Fahren und es bedeutet auch, sich öfter abseits der altbekannten Wege zu bewegen. Der Photograph muss dabei offen für Sujets sein, die seiner momentanen Stimmungslage entsprechen. Diese Art des Gehens könnte man im Gegensatz zum alltäglichen Stadtgang als gefühlvollen Stadtgang bezeichnen. Für diesen kreativen Prozess muss man über die Begrenztheit des eigenen Horizonts hinausgehen, das heißt über das bereits Angeeignete und Bekannte hin zu Neuem und Unbekannten.

»Wer sitzt, denkt an Besitz. Wer geht ist bewandert» [Aurel Schmidt: »Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden«, Wien, 2007]

Die neun Stadtgänge

1 Der Körnerpark

1978 wohnte ich im Ilsenhof, einer denkmalgeschützten Wohnanlage in Berlin-Neukölln, die in den Jahren 1928 bis 1929 erbaut und bestehend aus vier Höfen, für den Reformwohnungsbau »Neues Bauen« in Berlin steht. Auch zu meiner Zeit war die Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und Balkon noch mit einem Kachelofen ausgestattet. In den 1970er Jahren wurden die alten Sprossenfenster wegen des Lärms vom Flugplatz NeunNeuk-Text_085-07_1978Tempelhof gegen Schallschutzfenster ausgetauscht. Eine Besonderheit ist die Tordurchfahrt von der Ilsestraße in den Ilsenhof. Ursprünglich gab es durch das Tor einen Blick auf den Körnerpark. Durch die spätere Bebauung zwischen Ilsestraße und Park war diese Sichtachse zu meiner Zeit schon nicht mehr vorhanden.

Ganz in der Nähe befindet sich zwischen der Jonasstraße und der Schierker Straße die im Schlossgartenstil erbaute historische Gartenanlage »Körnerpark«. Hier entstanden im Februar 1978 meine vierzehn Photographien des ersten Kapitels des vorliegenden Künstlerbuches »Neunmal Neukölln«. Die Parkanlage wurde aus einer ehemaligen Kiesgrube, deren Besitzer Franz Körner hieß, zwischen 1912 und 1916 im Stil des Neobarock gestaltet. Umgrenzt von hohen Arkaden-Wänden, liegt der Park sieben Meter unter dem Niveau der angrenzenden Wohnstraßen. An den beiden Längsseiten befinden sich die Orangerie (heute mit der Kommunalen Galerie Neukölln und dem Zitronen-Café), sowie ein Wasserfall mit Fontänen. In den 1960er Jahren verfiel die Anlage immer mehr; sie wurde 1977 denkmalsgerecht rekonstruiert. Während meiner Zeit in Neukölln habe ich die herrliche Gartenanlage, die eine Oase in der dicht bebauten Neuköllner Stadtlandschaft bildet, immer wieder genossen.

2 Schienen und Bauten in wilder Natur

Auf längeren Stadtgängen, manchmal auch mit dem Fahrrad, stieß ich immer wieder auf verfallene Bahn- und Gleisanlagen in Neukölln. Die Bilderstrecke beginnt in der Nähe des Ilsenhofs mit dem S-Bahnhof Hermannstraße, der an der Ringbahn liegt und mit einem Blick von der Herthabrücke auf die entsprechenden Gleisanlagen. Weiter südlich hat die Natur auf den InNeunNeuk-Text_114-13-1979dustrie-Bahnhöfen an vielen Stellen die Gleisanlagen wieder zurück erobert; die Güterschuppen, Ladestraßen und Stellwerke standen praktisch alle vor dem Verfall. Die großen Bahnanlagen wurden zweckentfremdet und von Unternehmen als Lagerfläche genutzt oder, wie der ehemalige Rangierbahnhof Berlin-Tempelhof, zum Park »Schöneberger Südgelände« umgestaltet.

Auch die Stadt Berlin nutzte einen Teil der Flächen für die sogenannte Senatsreserve. Das war eine gesetzlich verordnete Bevorratung des Senats von Berlin für den Fall einer zweiten Blockade West-Berlins. Jahrzehntelang wurden etwa vier Millionen Tonnen Güter gelagert. Zeitweise bestanden über 700 Lager in West-Berlin und nur relativ wenige Menschen hatten detaillierte Kenntnisse darüber. Ein Kohlelager habe ich bei meinen Stadtgängen entdeckt; die Briketts waren aber schon halb zu Kohlenstaub verfallen. Bekannt bei den Berlinern war das Rindfleisch in Dosen mit der Aufschrift Senatsreserve. Es kam regelmäßig in den freien Verkauf; wir machten daraus herrliche Spaghetti alla Bolognese.

3 Von Garagen, Tankstellen und Werkstätten

NeunNeuk-Text_043-24-1977Ein großer visueller Reiz ging von den kleinen Werkstätten aus, die, wie in Berlin üblich, seit den Gründerjahren im zweiten oder dritten Hinterhof lagen. Meist sah die Umgebung ziemlich schrottig, aber pittoresk, aus. Die vielen Garagenhöfe, oft mit einer Ein-Mann-Autowerkstatt, dürften heute nicht mehr existieren. Damals begann auch die Zeit des Sterbens der kleinen Tankstellen.

Die Werkstätten wurden oft von einem gelernten Kfz-Meister betrieben, der nicht an einen Hersteller gebunden war und den wir »kleinen Schrauber« nannten. Das war nicht negativ gemeint. Wer nicht das neueste Model fuhr, war froh einen versierten Schrauber für wenig Geld zu finden. Die bekannten Mineralölgesellschaften hielten den Standort oftmals nicht mehr attraktiv und kündigten dem Selbständigen. Eine neue Tankstelle muss heutzutage mindestens einen angeschlossen »Supermarkt« aufweisen und dafür braucht man Platz.

4 Die High-Deck-Siedlung

Spannend war es auch, als ich die High-Deck-Siedlung an der Sonnenallee entdeckte. Die in den 1970er Jahren im Rahmen des sozialen WohnunNeunNeuk-Text_086-30-1978gsbaus entstandene Großsiedlung mit 6000 Einwohnern sollte ganz anders werden als die aneinandergereihten Hochhäuser im Märkischen Viertel (hier wohnte ich in meinen ersten Berliner Jahren). Die High-Deck-Siedlung setzte auf die Trennung von Autoverkehr und Fußgängern. Den Fußgängern wurde der Bereich im ersten Stock (sic!), den sogenannten High-Decks, zugewiesen. Diese begrünten Decks sind von der ebenen Erde durch Rampen und Treppen zugänglich.

In den Anfangsjahren waren die Wohnungen begehrt und Inbegriff für zeitgemäßes Wohnen am grünen Rand West-Berlins, nahe der Berliner Mauer, aber bereits ein Vierteljahrhundert später galt das Konzept als gescheitert und entwickelte sich zum sozialen Brennpunkt. Die High-Decks sollten eigentlich zur multifunktionalen Kommunikationszone werden, heute sind sie eher menschenleer und zu reinen Hochstraßen für Fußgänger degradiert. Die Anlage wurde auf Berlins größtem, zusammenhängendem Kleingartengelände, gebaut (in den Bereichen Köllnische Heide, Baumschulenweg und Johannisthal). Rund 750 Schrebergartenparzellen mussten weichen.

5 In der Kleingarten-Anlage

Im NeunNeuk-Text_090-03-1979Februar 1979 wanderte ich an einem Samstag von meinem Arbeitsplatz bei Sonnenschein (im doppelten Sinne!) in Mariendorf durch Berlins Schrebergärten bis zum Ilsenhof. Damals gab es noch einen richtigen Winter; der Schnee in den Kleingärten-Parzellen lag hoch. Durch Schnee und Sonnenschein wirkten die Anlagen sehr fotogen, das oft Schrottige der Gärten wurde verdeckt.

Von den Problemen, die ein halbwegs vernünftiger Schrebergärtner, der dem Bundeskleingartengesetz unterliegt, war im Winter wenig zu spüren. Wenn im Sommer alles sprießt und wächst, schlägt bei vielen Kleingartenvereinen die Einstellung von Moritz Schreber, dem Namensgeber des Schrebergartens, durch. Er war Begründer der sogenannten Schwarzen Pädagogik. Ein Verfechter von Zucht und Ordnung, Drill und Gehorsam. Und dazu scheint auch das ›Unkraut‹ gehören, das vor dem Gartenzaun wächst; es muss unter allen Umständen ausgemerzt werden.

6 Stadtgänge im Industriegebiet

NeunNeuk-Text_115-07-1979Einer meiner Lieblingsstadtgänge war am frühen Sonntagmorgen der Gang durch die Industriegelände im Südosten von Neukölln, um Stimmungen wie die »Winteridylle am Sieversufer in Neukölln« mit dem Melitta-Werk oder den schönen Industriebau aus Backstein der Firma »Linde« einzufangen. Viele Tanklager, auch am Teltowkanal, prägen die Stadtlandschaft

Die damals fotografierten Industrieanlagen haben sich in den vierzig Jahren, insbesondere nach der Wende, drastisch verändert. Die Orte der Anlagen sind heutzutage nicht mehr alle nachvollziehbar. Auf einem erneuten Stadtgang in der Gegend habe ich verzichtet. Die Stimmungen möchte ich so in Erinnerung behalten, wie ich sie auf den Photographien damals festgehalten habe.

7 An der Mauer und am Teltow-Kanal

NeunNeuk-Text_224-26-1981Die wilde Natur Berlins zeigte sich in den Sommermonaten nicht nur auf dem Bahngelände und im Industriegebiet, sondern insbesondere an der Mauer und am Teltowkanal. Überwachsene Trampelpfade und Gleise, repräsentative Toreinfahrten, die einmal bessere Zeiten gesehen haben, idyllische Wohnhäuser mit einem wilden, blühenden Fliederwald, reihten sich aneinander.

Ein Stadtgang auf dem ehemaligen Treidelweg am Kanal brachte immer wieder Überraschendes zu Tage. Auf dem Treidelweg waren bis 1945 Schienen verlegt und mit einer elektrischen Mini-Lokomotive wurden die Schiffe durch den Kanal gezogen. Auf anderen Kanälen wurden auch Zugtiere eingesetzt. Heute kann man auf dem beliebten Wanderweg in aller Ruhe trödeln (ein älteres Synonym für Treideln).

8 Pittoreskes aus Neukölln

Aber auch in der direkten Umgebung des Ilsenhofs, in der Hermannstraße, der Karl-Marx-Straße und am Richardplatz ließen sich NeunNeuk-Text_112-30-1979spannende Motive finden, so der Kaugummi-Automat oder die analogen Plakatwände, die nach und nach durch elektronische ersetzt werden. Pittoresk wirkt auch die Hertha-Brücke mit den zerfetzten Planen im Gegenlicht. Heute nicht mehr rekonstruierbar ist der Platz, auf dem ein merkwürdiges Gebäude, das wie ein Bunker aussieht, steht. Das Drumherum ist eine trotzlose Grünanlage.

Interessant sind immer wieder die Berliner Brandmauern, die es in den 1970er Jahren noch zahlreich gab. Brandwände sollen unmittelbar angrenzende Gebäude vor Feuer und Hitze, aber auch das eigene Haus, schützen. Die Wände und die dazugehörigen Trümmergrundstücke waren seit dem Ende des Krieges typisch für Berlin. Sie entwickelten oft ein malerisches Eigenleben und an ihnen lässt gut die historische Entwicklung ablesen. Später entstanden Hunderte von Wandbildern, eines der ersten ist der »Weltbaum« von Ben Wargin am S-Bahnhof Tiergarten. Durch die Neu-Bebauung der freien Flächen nach der Wende verschwinden diese Gemälde immer mehr.

9 Ein Friedhof im Schnee

NeunNeuk-Text_089-13-1979Im letzten Kapitel komme ich von meinen Stadtgängen wieder zurück in die Nähe zum Ilsenhof. Links und rechts der Hermannstraße sind mehrere Friedhöfe der Berliner Kirchengemeinden mit schönen Alleen ansässig. Sie liegen direkt unter der Einflugschneise vom damaligen Flughafen Tempelhof. Diese Friedhöfe gehören zur grünen Lunge von Neukölln und ein angemessenes Verhalten wird erwartet. In den 1970er Jahren dröhnten allerdings laufend die Flugzeuge über die Gräber.

Der Neuköllner Friedhof ist klassisch angelegt, das heißt durch Baumgruppen, Alleen, einzelne Standbilder und verschlungene Wege ergibt sich der Eindruck eines Arkaden-Parks. Von solch einem Ort der stillen Erholung fühlten sich die Stadtbewohner schon immer angesprochen und gerade in dem dicht besiedelten Neukölln lässt sich auch heute noch auf diesen Inseln der Ruhe ein kleines Paradies auf Erden finden.

Epilog

»So kann ich davon träumen, wie ich einmal das Gehen lernte. Doch das hilft mir nichts.
Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr« [Walter Benjamin]

Warum wollte Benjamin das Gehen neu lernen? Wahrscheinlich hat er eher gemeint, Schritt für Schritt die Wirklichkeit neu zu entdecken, durch die Intensivierung der Wahrnehmung, Veränderung des Blickwinkels und durch die Besinnung auf das Einfache, das Gewöhnliche und das Alltägliche. Dazu braucht man nicht unbedingt in exotische Länder zu reisen. Neues zu entdecken kann man auch im Altbekannten, auf dem täglichen Stadtgang, in der Wohnung oder im eigenen photographischen Archiv – so wie mit dem Portfolio »Neunmal Neukölln«.

Das photographische Gehen und Sehen ist wie eine Reise in das innere und äußere Neuland. Bei den Photographien muss man auch wie in der Literatur ›zwischen den Zeilen‹ lesen können. Man muss auch das Sehen, was im ‹im Schatten liegt‹, das oft das Entscheidende ist. Die Geschichte, die eine Serie von Photographien erzählt, ist also lückenhaft, der Rezipient muss sie selbst ergänzen. Landläufig sag man ›Der Weg ist das Ziel‹. Schmidt aber meint, das Ziel nimmt durch das Gehen erst Gestalt an. Das Gehen steht hier ebenso für die innere Bewegung, für die Erweiterung des Horizonts. Eigentlich ist damit das Denken gemeint.

Das Gehen geht dem Weg, der Zeit, dem Raum, der Erfahrung, dem Wort, dem Wissen, der Welt voraus. … Der Weg ist das Ergebnis der Metamorphose des Gehenden: Wer geht, verwandelt sich in den Weg. Der Weg ist die Welt selbst.
[Aurel Schmidt: »Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden«, Wien, 2007]

Friedhelm Denkeler, Juli 2020

 Impressum/ Datenschutzerklärung      ▲Seitenanfang▲

All Rights Reserved (Fotos, Texte, Grafik) by © Friedhelm Denkeler 2002-2020

Zurück zur Startseite

Lichtbilder

     

 Start   |   Übersicht    |   Arbeiten    |   Info    |   Support  |   Kontakt    |||   Blog   |   Instagram