Der Große Handschmeichler

Møns Klint – eine "gefährliche" Foto-Exkursion

Meine vermeintlich gefährlichste Foto-Exkursion fand 1983 auf der Ostseeinsel Møn statt. Die Insel weist die höchste Steilküste Dänemarks auf, die riesige Kalksteinwand, genannt Møns Klint, ist sechs Kilometer lang und bis zu 128 Meter hoch. Gefährlich deshalb, weil es immer wieder zu massiven Abstürzen aus der Kreidewand kommen kann. Zuletzt brachen 2007 um den Store Taler an die 500.000 Tonnen Kreide aus der Kreidewand heraus; es war der schwerste Absturz seit 50 Jahren. Bereits 1952 bildete sich eine 500 Meter lange Halbinsel als dutzende Tonnen Kreide abgingen. Da ich damals um der Gefährlichkeit "nicht wusste", konnte ich die Wanderung oberhalb und insbesondere am Fuß der Steilküste, direkt am Meer, genießen.

In einer Tageswanderung ist spontan die vorliegende Serie mit Landschaften der Steilküste, mit am Strand gefundenen natürlichen Requisiten und kleinen Inszenierungen entstanden. Es ging nicht nur um das visuelle Erlebnis am Strand sondern auch um die haptische Wahrnehmung der Dinge. Damit spielte die Hand eine große Rolle, etwa durch Überstreichen der Oberfläche, Nachfahren der Konturen und Umfassen und Drücken. Typisches Beispiel ist die Photographie des "Großen Handschmeichlers". Gleichzeitig werden die Objekteigenschaften, wie Größe, Gewicht, Festigkeit und Temperatur erfasst. Die haptische Wahrnehmungsschwelle soll beim aktiven "Untersuchen" bei rund 1 µm, das sind 0,001 mm (sic!) liegen; beim passiven (taktilen) "Erkunden" liegt die Reizschwelle lediglich im Bereich um ein mm.

Durch das tastende Begreifen und die visuelle Wahrnehmung werden beim Betrachten der Dinge entsprechende Assoziationen ausgelöst. Beim Betrachter der vorliegenden Photographien können diese  Assoziationen unterschiedlich sein, aber die meisten Rezipienten sehen mehr oder weniger direkte oder indirekte erotische Symbole. Der Ausdruck "hinter vorgehaltener Hand" bekommt hier eine doppelte Bedeutung.

Zu der Zeit, in der die Serie "Møns Klint" entstanden ist (1983), war ich mitten in meiner Ausbildung an der "Werkstatt für Photographie" und bei Michal Schmidt als Privatschüler. Meine ersten vier großen Portfolios "Im Wedding" (1978), "Tempelhofer Kreuz" (1979), "Der Elmgeist" (1980) und "Photographien" (1982) waren abgeschlossen. Die ersten drei standen jeweils unter einem Thema und sind im engeren Zeiträumen entstanden. Das Portfolio "Photographien" besteht als Einzelbildern, die aus mehreren Jahren stammen. Gleichwohl vermittelt es eine einheitliche Stimmungslage. "Møns Klint" dagegen kann man als inszenierte Serie betrachten. Diese "verschiedenen" Arbeitsweisen habe ich bis heute in den nachfolgenden Arbeiten beibehalten.

Der Fotohistoriker Enno Kaufhold schrieb in der "Photo-News" (Oktober 1991): "Friedhelm Denkeler gehörte während der Werkstatt-Zeit nebst anderen … zu den Protagonisten eines subjektiven photographischen  Ansatzes. Das verdient insofern Beachtung, als die Werkstatt gegen Ende der 1970er Jahre noch ganz unter dem Einfluss des Dokumentarismus stand. Dieser wurde an der Werkstatt – und nicht nur dort – in dem Sinn verstanden, als hätten sich die Dinge selbst aufgenommen … Mit dem vermehrt seriellen Charakter der Arbeiten verlor das gut gelungene Einzelbild zugunsten der schlüssigen Serie an Gewicht."

Die Serie Møns Klint mit 16 Photographien war vom 24. Oktober bis 25. November 1983 in der Werkstatt für Photographie im Rahmen der Ausstellung "Arbeiten 83" mit zehn Teilnehmern zu sehen. Alle Aufnahmen sind im gleichnamigen Katalog abgebildet. Am 9. Mai 1985 wurde das Portfolio Møns Klint vom Landesmuseum Berlinische Galerie unter dem damaligen Leiter der Photographischen Sammlung Janos Frecot erworben. Elf Jahre später (1996) waren zehn Bilder im Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung "Noch nie gezeigt – Aktuelle Positionen aus der Sammlung der Berlinischen Galerie" zu sehen.

Friedhelm Denkeler, August 2015

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