Mutationen an einem wilden Tag in Kreuzberg

Die Mutoid Waste Company im Sommer 1989 in West-Berlin

Im Sommer 1989, am 19. August, verbrachten wir einen ganzen Tag auf dem ehemaligen Gelände des Görlitzer Bahnhofs (heute: Görlitzer Park) in Berlin-Kreuzberg. Dieser Tag war der Höhepunkt einer mehrtägigen Performance der aus London stammenden Mutoid Waste Company, man könnte auch sagen des Abfallwirtschaftsbetriebs. Die Company lebte und arbeitete mehrere Wochen auf dem wilden, aus lauter Sandhaufen bestehenden Gebiet in ihrer Wagenburg und verwandelte das Gelände in einen anarchischen Abenteuerspielplatz.

Von einem zukünftigen Görlitzer Park war noch nicht viel zu sehen. Heute kann man dort aufgrund der vielen Dealer wahrscheinlich nur noch unter Polizeischutz fotografieren. Die Mutoid Waste Company wurde Anfang der 1980er Jahre von den Punks Joe Rush und Robin Cooke in London gegründet und reiste später quer durch Europa. Sie schweißte aus Schrott von alten Autos und Motorrädern neue, verrückte Mutant Vehicles zusammen, die oft Feuer spuckten und viel Krach machten.

Der Morgen

Am Morgen ging es auf dem Gelände noch friedlich und idyllisch zu und man konnte sich die Landschaft in aller Ruhe anschauen. Ein einsamer Driver testete in den Sand-Dünen auf der "Rennstrecke" sein Monster-Vehikel und ein total umgebauter und aufgebockter VW-Käfer war vor der Kulisse der Kreuzberger SO 36 Gründerzeit-Häuser zu bewundern. Dies waren bereits zwei auffällige "Markenzeichen" der Mutoids: der Umbau von Schrottautos zu "fahrbaren" Untersätzen, die direkt aus einem "Mad Max"-Film hätten stammen können, sowie der  Bau riesiger geschweißter Skulpturen aus Abfallstoffen. Der Rest der anarchischen Künstlerkommune schien noch selig zu schlafen.

Der Vormittag

Die Gruppe sammelte, wie sie auf einem Plakat seit Wochen mitteilte, alles Mögliche: Schrott, Plastik, Farben, T-Shirts, Staubsauger, Flipper, Kleider, Fahrräder, Küchenkram, Bettfedern und jegliche Art von fahrbaren Untersetzen. Am Vormittag sah ich mir die bisher produzierten Objekte an. Es waren in erster Linie kleinere Objekte,  wie "Käfer", "Libellen" und andere Geschöpfe sowie umfunktionierte Zweiradfahrzeuge; zum anderen legte die Gruppe mit viel Fantasie einen großen Schrott-"Friedhof" mit einzelnen "Gräbern" an. Durch die Kamera gab es bereits reichlich zu sehen.

Der Mittag

Gegen Mittag füllte sich das Areal mit Neugierigen und ein bis in die Nachtstunden dauerndes Kunsthappening, gemeinsam mit den Berlinern, begann. Kreuz und quer kreuzten in halsbrecherischer Weise die Fahrzeuge über das Gelände; dabei kippte auch schon mal ein Fahrzeug an den Hängen um. Ein alter, weißer Opel Rekord mit einem riesigen "Auspuff-Rohr" war über und über mit Bettfedern bestückt und eine Zugmaschine zog einen feuerspeienden Anhänger hinter sich her. Der TÜV gab zu diesen Gefährten ganz sicher nicht seinen Segen, wurde aber auch nicht gefragt.

Der Nachmittag

Am Nachmittag wurde es musikalisch. Die Mutoids brachten damals eine uns noch unbekannte Musik aus London mit und zwar "Acid House", einen "Ableger" der House-Musik. House ist eine Stilrichtung der elektronischen Tanzmusik, die wiederum die Grundlage für die spätere noch populärere Techno-Musik und Techno-Szene wurde. Die Band trat "very crazy" auf, beispielsweise trug der Drummer eine schräge Fantasie-Vogel-Maske.

Der Abend

Am Abend ging das wilde Happening mit den "rasenden", endzeitlich anmutenden Monster-Vehicles und dem "Hightech-Schrott" weiter. Während des Festivals hatten die Mutoids einen "Peace Bird" zusammengeschweißt, montierten ihn auf ein Schienenfahrzeug und schoben ihn auf den noch teilweise vorhandenen, alten Schienen in Richtung Ost-Berlin zur Brücke über den Landwehrkanal direkt bis vor die Mauer der Görlitzer Straße auf der anderen Seite.  Es sollte ein "Geschenk" an Ost-Berlin werden. Ein Grenzbeamter sprach daraufhin zur Freude der Zuschauer ins Megaphon den legendären Satz: "Ich fordere Sie auf, die provokatorischen Handlungen zu unterlassen!".

Die Nacht

In der Nacht wurde von den Grenztruppen der Friedensvogel wieder auf West-Berliner Gebiet zurückgeschoben und sicherheitshalber alle Schienen auf Ost-Berliner Seite der Brücke demontiert; ganze drei Monate vor dem Ende der Berliner Mauer. Im schaurigen Schein von Fackeln und Scheinwerfern war die laue Sommernacht noch lange nicht beendet, denn Kreuzberger Nächte sind bekanntlich lang.

Friedhelm Denkeler, Januar 2015