Wenn man vor lauter Bäumen, die Fabrik nicht mehr sieht

"Köbbinghauser Hammer": Photographien aus dem südlichen Westfalen

In den Jahren 2008 bis 2014 habe ich im südlichen Westfalen, hauptsächlich im Landschaftsgebiet Sauerland und hauptsächlich im Frühjahr, Sommer und Herbst auf Wanderungen Photographien von Gewerbegebieten, Fabrikationsgebäuden und deren Einbettung in die Berg-, Hang- und Wald-Landschaften der Region gemacht. Dazu gehört auch die kommunale Infrastruktur, wie Bahnanlagen, Trafohäuschen, Kläranlagen und Pumpspeicher-Becken. Zur Erschließung neuer Gewerbegebiete wird schon einmal ein größerer Eingriff in die Natur vorgenommen: Bäume werden gerodet, größere Erdbewegungen werden durchgeführt und zum Beispiel der Rammsiepenbach wurde unterirdisch verlegt.

Die Schließung von innerstädtischen Fabriken schafft hingegen Platz für neue Wohnungen, aber zum Nachteil sind die neuen Fabriken nun außerhalb der Ortschaften gelegen, in der freien Natur oder im Wald. Dies wird in vielen Photographien deutlich; manche Manufaktur-Hallen sind regelrecht im Wald versteckt und manchmal sieht man vor lauter Bäumen, die Fabrik nicht mehr. Beim näheren Hinsehen entdeckt man rund um die Werke jedoch die Lagerplätze, vollgestellt mit leeren Containern, Paletten, Gitterboxen, Coil-Materialien und sonstigen Halbzeugen. Aber auch verlassene Gewerbegebiete mit ihren mit Gras überwachsenen Parkplätzen und die von der Natur zurückeroberten Lagerplätze sind natürlich lohnende Motive.

Oft findet man auch "witzige", kuriose Motive: ein Industriebau, der zusammen mit der davorstehenden Betonmauer wie ein Hochsicherheitstrakt aussieht; eine freistehende Wellblech-Halle erinnert an Photos von Walker Evans; ein Gewerbebau sieht aus, als wenn er aus dem Schwarzwald exportiert wurde; das riesige fensterlose Gebäude der Fastenrath Befestigungstechnik, sicherlich ein Hochregallager, steht mitten im Wohngebiet; der Strohballen auf dem landwirtschaftlich genutzten Feld mit der neuen Fabrikationshalle oder das Trafohäuschen mit einem hohen Lattenzaun mitten im Wald. Ein Motiv war auch  der restaurierte Bahnhof "Köbbinghauser Hammer" der Kleinbahn, der allerdings nur noch der Museumsbahn dient.

Zum Schmunzeln sind oft auch Namen und Gestaltung der Fabriken: "Press & Stanz", der gestaltete Vorplatz mit Felsbrocken der Firma Rapp, der Hollywood-Boulevard mit dem Kino im Industriegebiet oder auch die beiden Imbisse "Köbbinghauser Grill". Von den Gebäuden sind die alten aus der Anfangszeit des Industriezeitalters die Schönsten: das Verwaltungsgebäude der Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH in Plettenberg, das inzwischen nicht mehr existiert; die herrliche Backstein-Front der Riegel-Fabrik von 1852 der Firma Gustav Alberts in Herrscheid; der ehemalige Lokschuppen der Kleinbahn in Plettenberg-Oberstadt; die Backstein-Gebäude mit zugemauerten Fenstern in der Fabrikstraße; die dreistöckige Fabrik mit einer Rampe über die Else oder die "weiße Fabrik" Prinz Verbindungselement GmbH mit dem leeren Parkplatz im Ortsteil Holthausen von Plettenberg.

Die Wanderungen fanden meist an Tagen mit Sonnenschein statt und meistens am Wochenende, das erklärt auch die oft leeren Parkplätze. Das mit dem Sonnenschein ist nicht so einfach, denn an 4 von 7 Tagen fallen mehr oder minder starke Niederschläge in der Region. Der Ausgangspunkt der Touren war die Vier-Täler-Stadt Plettenberg im Westen des Sauerlands; viele Wanderrouten führten an den Flüssen Lenne, Oester und Else vorbei. Die ersten Fabriken und Manufakturen sind zu Beginn des Vorindustriezeitalters in der Region an den vielen Flüssen entstanden. Deshalb konnten hier mit Hilfe der Wasserkraft die Eisenhammer angetrieben werden, die Schmiedeeisen als Halbzeug und die daraus gefertigten Gebrauchsgüter, herstellten. Viele Orte hatten den Namen eines Hammerwerks in ihren Namen: Bremecker Hammer in Lüdenscheid oder mein titelgebender "Köbbinghauser Hammer" in Plettenberg im Ortsteil Köbbinghausen.

Die Aufnahmen sehe ich weniger als dokumentarische Photos an, sondern als Stimmungsbilder. Aber trotz alledem: ein Photo ist  immer auch ein Dokument der Zeit. Das zeigt sich an meinen Photographien "Im Wedding" aus den Jahren 1977/78, die man heute als "stimmungsvolle Dokumentaraufnahmen" bezeichnen kann. Sehen wir einmal, ob in 35 Jahren jemand schreibt: "Und dennoch thematisieren seine Bilder die … Historie auf eine Art, die den unwiederbringlichen Aspekt von Vergänglichkeit eindringlich vor Augen führt" [Dr. Simone Kindler zur Ausstellung "Im Wedding" 2013 im Bayer-Haus Berlin].

Die Stimmnägel von Plettenberg

Mit der Photographie der Stimmnägel-Fabrik W. Wagner jr. GmbH in Plettenberg begann im Jahr 2008 meine Serie "Köbbinghauser Hammer" und endete 2014 mit einer Aufnahme der schrägen Fertigungshalle am Sophienhammer in Arnsberg-Müschede.

Die Firma W. Wagner jr. GmbH ist ein Beispiel für eine größere Industrieansiedlung innerhalb der Stadtgrenzen von Plettenberg. Zum Zeitpunkt meiner Aufnahme im Jahr 2008, stand allerdings nur noch das Büro- und Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Die eigentlichen Fertigungshallen mussten 1995 zu Gunsten des Baus von Wohn- und Seniorenhäusern weichen. Und zum Abschluss meiner Serie im Jahr 2014 war nur noch eine Baugrube vorhanden, das schöne Ensemble musste Platz für weiteren Wohnungsbau machen.

Das Unternehmen wurde 1853 in Plettenberg gegründet und begann mit der handwerklichen Fertigung von Stimmnägeln und Stiften für die Klavierindustrie zunächst am Kirchplatz und bedingt durch die Umstellung auf die industrielle Fertigung zog das Unternehmen später in das größere Areal an der Kaiserstraße. Neben der Wasserkraft durch die Else als Energiequelle, wurde eine Dampfmaschine angeschafft. Die Stimmnägel unter dem Markennamen "Biene" (der auf meinem Bild immer noch vorhanden war) wurden in der ganzen Welt gerne gekauft. Seit 1930 wurden auch Holzschrauben gefertigt und in den 1950er Jahren wurde der Betrieb durch eine weitere Halle für die Blechschraubenproduktion erweitert. (Bild 9)

Die schräge Wand von Müschede

Seit Jahren sind wir auf dem Weg von Berlin ins südliche Westfalen auf der Bundesstraße 229 immer wieder an einem auffallenden Fabrikgebäude an der Rönkhauser Straße 9 in Arnsberg-Müschede vorbeigekommen: Die Schräge Halle am Sophienhammer. Es handelt sich um ein architektonisch interessantes Fabrikationsgebäude der Firma Julius Cronenberg.

Die  Manufaktur wurde im Jahr 1711 in Gevelsberg als Sensenschmiede gegründet. 1870 erfolgte der Umzug an den heutigen Standort  in Müschede. Auf dem erworbenen Gelände stand der Sophienhammer. Inzwischen ist die Fertigung von Sensen nur noch eine Randerscheinung. Heute fertigt das Unternehmen hauptsächlich Stadtmobiliar.

Die neue preisgekrönte Fertigungshalle ist mittlerweile eine Landmarke mit seiner nächtlich angestrahlten schrägen Wand; nach der Fertigstellung gab es allerdings erst einmal heftige Kritik aus der Bevölkerung ob der "Schandmauer". Inzwischen hat sich die Lage beruhigt und die Fachwelt lobt den Bau, der zwischen zwei Altbauten in einer großen Kurve auf die Bundesstraße zu stürzen scheint. Es ist eins der interessantesten neuen Fabrikgebäude aus meiner Serie "Köbbinghauser Hammer". (Bild 30)

Friedhelm Denkeler, November 2014